Vespatreffen Meilen (August 2004)

  

Vespa News vom 30. August 2004

Quelle Zürichsee Zeitung

 «Benzin, sehr viel Öl und Liebe»

Die Corso-Fahrt ist der Höhepunkt des Tages. Lautstark kantterten und tuckerten rund 150 Rollerfahrer über den Pfannenstil.

 

Rund 400 Rollerliebhaber und Besucher kamen zum Vespa-Treffen. Die Passanten vor dem Meilemer Bahnhof wunderten sich am spätsommerlichen Samstagnachmittag über die unzähligen vorbeituckernden Vespas und Lambrettas. «Wahrscheinlich eine Hochzeit», vermutete eine Passantin. Das war nicht der Fall. Die Rollerfahrer aus verschiedenen Kantonen und Ländern trafen sich zum Fachsimpeln und zu einer gemeinsamen Rundfahrt über den Pfannenstiel in Meilen.

Sibylle Strasser Die Nummernschilder zeigen: Aus verschiedenen Kantonen, aus Deutschland, Österreich und Liechtenstein sind die Rollerfahrer angereist. Zwei Vespa-Begeisterte kamen sogar aus Schottland - wenn sie auch nicht den ganzen Weg auf ihrem Gefährt zurückgelegt haben. Das ganztägige Vespa-Treffen wurde vom Vespa-Fan-Club Zürich organisiert und durchgeführt. Laut dessen Präsident Daniel Urben haben sich etwa 400 Rollerliebhaber und Besucher auf dem Festgelände umgeschaut. 150 Rollerfahrer haben an der Corso-Fahrt über den Pfannenstiel teilgenommen.

Allerlei Gefährte

Unter den Rollerfans herrschen unterschiedliche Mentalitäten. Die einen geniessen das Fachsimpeln über schwer zu beschaffende Einzelteile für ihre wohlgepflegten Oldtimer. Andere legen Wert auf aktionsreiche Fahrten und laut dröhnende Motoren. Zur Ausstellung in der Halle, wo klassische Vespas, zu Rennmaschinen umgebaute Modelle sowie unzählige skurrile Vehikel ausgestellt sind, meint Daniel Urben: «Es geht den meisten Fans darum, etwas an ihren Fahrzeugen zu gestalten und zu verändern.» Diese Aussage beschreibt auch die Haltung der leidenschaftlichen Rollerfahrer vor Ort.

Faszination Vespa: Klein und Gross bestaunen die versammerlten Modelle.

 

«Böse Buben» aus Deutschland

Nico Gnisci und Stefan Kloske sind aus Deutschland zum Treffen angereist und gehören zu jenen Rollerfahrern, die mit gemütlichen Oldtimer-Treffen nicht viel «am Helm» haben: «Hier in der Schweiz gibt es viele sehr alte Vespas. Da gehts immer nur um die bessere Lackierung oder die Originalschrauben. Uns ist die Motorenleistung wichtig.» Ihre Vespas haben sie mit Schneidegeräten und Schweissbrenner an ihre Bedürfnisse angepasst und schwarz lackiert. Gefahren wird, was der Motor hergibt. Zusätzlich eingespritztes Gasgemisch erbringt grössere Leistung. Die Jungs kurven auf den Hinterrädern um die Besucher auf dem Areal. Die Piratenflagge, die auf der Motorhaube angebracht ist, flattert bedrohlich im Fahrtwind.

Sicher ist sicher: edle Vespa mit unzähligen Rückspiegeln und Scheinwerfern.

Detailgetreu restaurierte Ur-Vespa

Thomas Hitz, Lehrer aus Chur, besitzt die älteste Vespa auf dem Gelände. Seine V98, Jahrgang 1947, ist eine Rarität mit stilechtem Reisekoffer auf dem Gepäckträger. Einen Zündschlüssel braucht er nicht, um die alte Dame in Gang zu setzen. Zur Diebstahlsicherung arretiert er den Lenker mit einem Zahlenschloss. Drei Stunden dauerte die Fahrt von Chur nach Meilen. Das Benzin reichte bis Stäfa. Für Hitz ist die Vespa eine Leidenschaft. Alles, was es für den Bündner braucht, um eine restaurierte Vespa am Laufen zu halten, ist: «Benzin, sehr viel Öl - 0,5 Deziliter pro Liter Benzin - und viel Liebe.»

Rarität aus Chur: Jahrgang 1947, mit "Stänelischaltung".

 

Wüsten- und flirterprobtes Gefährt

Stolz fährt Daniel Rechsteiner mit seiner VN 2T, Jahrgang 1957, vor. In den Fünfzigern war diese Vespa bereits mit seinem Vater nach Ägypten gerollt. Der Motor ist original. Aussen hat der eingefleischte Vespa-Fan gezwungenermassen einiges ergänzt und ersetzt. Heute fährt er mit seinem Juwel nur bei schönem Wetter aus.
Christian Waser, Automechaniker aus Rüti, und seine Freundin Melanie Favre schwärmen von der emotionalen Wirkung von Wasers Vespa mit Baujahr 1951. Die Begegnung mit einem älteren Ehepaar hat die beiden gerührt: Das Ehepaar stand neben der Vespa, mit Tränen in den Augen, und offenbarte, dass sie sich auf einer solchen Vespa verliebt hätten.

«Über die Berghänge»

Im Programm bezeichnet der Veranstalter den Höhepunkt des Tages, die Fahrt im Corso, in Anführungszeichen und augenzwinkernd als «Fahrt über die Berghänge am Zürichsee». Jeder weiss, dass der Pfannenstiel kein Berg, sondern ein Hügelzug ist. Die Fahrer von klassischen Vespas haben aber Respekt vor steilen Strassen. Waser gesteht, dass «die Angst vor der Steigung» aufkommt, wenn er mit seinem Bijou auf unbekannter Strecke unterwegs sei. Die Vespa ist ein Flachlandgefährt. Besonders die älteren Modelle sind nicht für Bergfahrten konzipiert. Sie kommen ins Stottern und machen schlapp, wenn es zu steil wird.

Hupkonzert zur Abfahrt

Die Abfahrt zur knapp einstündigen Corso-Fahrt wird untermalt von einem lauten Hupkonzert in allen Tonlagen und ohrenbetäubendem Geknatter der 150 Zweitakter. Zügig fährt der Pulk los und hinterlässt einen Benzin- und Ölgestank. Die Samariterinnen halten sich die Nase zu.
An einem Flugschneisen-Plakat geht es geräuschvoll vorbei nach
Uetikon, weiter über Toggwil und wieder hinunter nach Meilen. Die grossen und kleinen Zuschauer am Strassenrand winken den Rollerfahrern zu. Mit Gehupe wird geantwortet. Ein älteres Paar aus Zürich freut sich auf seiner Lieblingsbank bei Buchholz über den vorbeiziehenden Rollerschwarm: «Das ist so schön!»
Abgesehen vom Bienenstich, den sich einer beim Fahren zugezogen hatte, sind bis zum Abend keine Unfälle oder Zwischenfälle zu vermelden. Gegen 20 Uhr kehrt auf dem Gelände der Gebrüder Schneider AG wieder Ruhe ein. Die Vespas ziehen weiter und überlassen das Feld ihren kleinen, lästigen Schwestern.

 


© 2006 by Thomas Hitz